Derivative Pricing im SAP RISE Vertrag: Wie versteckte Preislogik Ihr Budget belastet
Sie passen das System-Sizing an. Mehr Kapazität nach Go-Live, weil die Last höher ist als ursprünglich geplant. Eine technische Entscheidung, die zunächst überschaubar wirkt. Dann kommt die nächste Rechnung.
Der Betrag steigt nicht nur für die angepasste Komponente. Disaster Recovery, bestimmte Add-ons, Kapazitätserweiterungen: All das ist derivativ bepreist. Der Preis einer Komponente berechnet sich als prozentualer Anteil einer anderen, der sogenannten Basiskomponente. Nach Vertragsanalysen aus der Praxis liegt Disaster Recovery häufig bei einem festen Prozentsatz der monatlichen Subscription. Steigt die Basis, steigen alle abhängigen Positionen proportional mit. Automatisch. Über die gesamte Restlaufzeit des Vertrags.
Was auf den ersten Blick wie eine einfache Preislogik wirkt, hat in der Praxis erhebliche Auswirkungen. Nicht weil SAP das in Ihrem Vertrag versteckt hätte, sondern weil die Struktur komplex ist und in der initialen Verhandlung selten vollständig durchgerechnet wird. Das Ergebnis: Unternehmen bemerken Kostenveränderungen häufig erst dann, wenn die Rechnung eingetroffen ist.
Strukturelle Kontrollverschiebung
Gartner hat das Muster bereits 2023 klar beschrieben. In einem Bericht, den The Register im September 2023 aufgegriffen hat, heißt es: "Several cost components previously under the user's control will move to SAP, reducing client influence on running costs." Das ist keine Wertung, sondern eine strukturelle Beschreibung des RISE-Modells. Kosten, die früher durch eigene Infrastrukturentscheidungen steuerbar waren, werden in ein Subscription-Modell überführt, dessen Preisentwicklung SAP bestimmt.
2025 kam ein weiterer Faktor hinzu: die Einführung der FUE-Metrik, Full-Use-Equivalent. Funktionen, die Kunden bislang über günstigere Lizenzkategorien abgedeckt hatten, werden in teurere Professional-Kategorien verschoben. Michael Bloch vom DSAG-Vorstand formulierte es gegenüber The Register im Juli 2025 direkt: "FUE metric costs more compared to the old RISE Premium." Die Basis, auf der alle derivativen Komponenten aufsetzen, wird dadurch erhöht. Nicht durch eine neue Vertragsposition, sondern durch eine Neudefinition der Preismetrik.
Scott Bickley von Info-Tech Research beschreibt das gegenüber dem CIO Magazine als "stealth price increase": Kunden müssen höherwertige Lizenzen erwerben, die exponentiell teurer sind. Mike Tucciarone, VP Analyst bei Gartner, ergänzt, dass bestimmte Funktionalitäten wie SAP Datasphere aus dem Standardumfang herausgefallen sind. Beides zusammen erzeugt einen Effekt, der in bestehenden Verträgen bislang unzureichend adressiert ist: Die Preisbasis steigt, ohne dass eine explizite Preiserhöhung verhandelt wird, und alle derivativen Positionen folgen dieser Basis.
Das Timing verschärft die Situation: Erhöhungen greifen sofort, sobald sich das Sizing ändert oder eine neue Metrik greift. Reduzierungen dagegen sind in der Regel erst zum Renewal möglich. Die Asymmetrie ist vertraglich angelegt, nicht zufällig.
Was Sie tun können: Vier konkrete Schritte
1. Vollständiges Mapping aller derivativen Preispositionen
Bevor Sie eine Sizing-Änderung beauftragen oder freigeben, sollten Sie wissen, welche Vertragskomponenten derivativ bepreist sind und welche Basiskomponente sie referenzieren. Das klingt selbstverständlich, ist aber in der Praxis häufig unzureichend dokumentiert. Erstellen Sie eine vollständige Liste aller Positionen, die prozentuell von einer anderen abhängen, inklusive der jeweiligen Formel und der aktuellen Basiswerte.
Dieses Mapping ist keine einmalige Aufgabe. Es gehört in den Prozess jeder relevanten Vertragsänderung. Ein Sizing-Request, der ohne diese Vorbereitung durchläuft, ist ein finanzielles Risiko, das sich erst Wochen später materialisiert.
2. Vertragsklauseln zu Mid-Term-Reduzierungen verhandeln
Die Asymmetrie zwischen sofortigen Erhöhungen und aufgeschobenen Reduzierungen ist verhandelbar, zumindest in einer Neuverhandlung oder bei einer Vertragsverlängerung. Prüfen Sie, ob Ihr Vertrag Fenster für unterjährige Reduzierungen vorsieht und zu welchen Konditionen. Wenn nicht: Machen Sie das zu einem expliziten Verhandlungspunkt.
Auch ohne vollständige Symmetrie lassen sich Puffer einbauen. Zum Beispiel definierte Zeitpunkte im Jahr, zu denen Sizing-Reduzierungen wirksam werden können, oder ein festgelegter Prozentsatz, um den eine Reduzierung außerhalb des Renewals möglich ist. Was vertraglich nicht geregelt ist, liegt im Ermessen von SAP.
3. FUE-Impact auf die aktuelle Vertragsstruktur prüfen
Die FUE-Umstellung ist für viele Bestandsverträge noch nicht vollständig bewertet worden. Welche Ihrer aktuellen Lizenzkategorien sind betroffen? Welche Funktionen, die bisher im Standardumfang enthalten waren, fallen unter die neue Metrik? Und wie verändert das die Basis, auf der Ihre derivativen Komponenten berechnet werden?
Diese Analyse ist zeitkritisch. Wenn Ihr Vertrag in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten zur Verlängerung ansteht, sollten die FUE-Auswirkungen bereits jetzt in Ihre Planungsgrundlage eingeflossen sein, nicht erst, wenn SAP das Renewal-Angebot vorlegt.
4. Unterjähriges Monitoring als Pflichtprozess einführen
SAP RISE-Verträge sind keine statischen Dokumente. Sizing ändert sich, Nutzungsmuster entwickeln sich, SAP passt Metriken und Umfang an. Wer seinen Vertrag nur einmal jährlich vor dem Renewal betrachtet, reagiert zu spät.
Ein unterjähriger Monitoring-Prozess bedeutet konkret: quartalsweise Überprüfung der tatsächlichen Kosten im Vergleich zur Vertragserwartung, systematische Erfassung von Sizing-Änderungen und deren finanzieller Wirkung, und ein klarer Ansprechpartner auf Ihrer Seite, der diese Aufgabe verbindlich verantwortet. Das muss keine aufwändige Infrastruktur sein. Aber es braucht einen Prozess und eine Zuständigkeit.
Fazit
Derivative Pricing ist kein Fehler im SAP RISE Modell, sondern ein strukturelles Merkmal, das vollständige Transparenz und aktives Management erfordert. Die Kombination aus prozentualen Abhängigkeiten, asymmetrischen Anpassungsregeln und der FUE-Umstellung erzeugt ein Umfeld, in dem Kostenveränderungen nicht immer durch explizite Preiserhöhungen sichtbar werden.
Wer seinen Vertrag kennt, welche Positionen derivativ hängen, wie die Basismetriken definiert sind und wie die FUE-Umstellung die Preisgrundlage verändert, kann steuernd eingreifen. Wer das nicht tut, bemerkt die Veränderung häufig erst bei der nächsten Rechnung. SAP RISE-Verträge sind komplex genug, um eine strukturierte Begleitung zu rechtfertigen: vor Vertragsabschluss, nach Go-Live und über die gesamte Laufzeit.
Nächste Schritte
Wenn Sie wissen möchten, welche Ihrer Vertragspositionen derivativ bepreist sind und wo Steuerungsbedarf besteht, sprechen Sie mich direkt an. Ich analysiere Ihre Vertragsstruktur in einem ersten Gespräch und zeige, wo die relevanten Stellschrauben liegen.
Quellen:
Gartner via The Register (01.09.2023): "Several cost components previously under the user's control will move to SAP."
Michael Bloch (DSAG) via The Register (11.07.2025): "FUE metric costs more compared to the old RISE Premium."
Scott Bickley (Info-Tech) via CIO Magazine (27.06.2025): "This is a stealth price increase."
Mike Tucciarone (Gartner) via CIO Magazine (27.06.2025): "Some capabilities, such as SAP Datasphere, are no longer included."